"Geld allein bringt gar nichts"
Interview mit Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit
FAZ, 07. September 2007
Die Arbeitslosenversicherung rechnet in den nächsten Jahren mit Überschüssen von 26 Milliarden Euro. Der Deutsche Gewerkschaftsbund und Teile der SPD fordern, damit eine Qualifizierungsoffensive für Arbeitslose zu finanzieren. Heinrich Alt, Vorstandsmitglied der Bundesagentur für Arbeit, erklärt, warum Weiterbildung allein nicht hilft.
Herr Alt, tun Sie zu wenig für die Qualifizierung von Arbeitslosen?
Nein, das stimmt nicht. Wir kümmern uns intensiv um Qualifizierung, denn sie ist das entscheidende Kriterium am Arbeitsmarkt; wichtiger als das Geschlecht, das Alter oder die Region. Ich würde aber als Kritik gelten lassen, dass wir in der Vergangenheit manchmal die falschen arbeitsmarktpolitischen Instrumente eingesetzt haben. Zu oft wurden zum Beispiel Ein-Euro-Jobs vergeben, die Qualifizierung blieb mancherorts auf der Strecke. Aber das ändert sich derzeit gerade, und der Vorstand der Bundesagentur für Arbeit unterstützt dies ausdrücklich.
Würden Ihnen da die geforderten neuen Mittel nicht entgegenkommen?
Mehr Geld allein bringt zunächst einmal gar nichts. Wir müssen Talente identifizieren und Märkte ausfindig machen, wo sie anschließend auch die Chance auf eine Integration haben. Wir halten trotz rückläufiger Arbeitslosenzahlen die Summe der zur Verfügung stehenden Mittel in der Arbeitslosenversicherung bei 3,3 Milliarden Euro stabil. Für die Langzeitarbeitslosen stehen sogar 5,5 Milliarden Euro aus Steuermitteln bereit.
Könnten Sie denn nicht mit mehr Geld viel mehr Arbeitslose qualifizieren?
Nein, denn wir schicken nur Personen in Qualifizierungsmaßnahmen, die auch berechtigte Aussichten auf Erfolg haben. Wer seit sechs Jahren keinen Betrieb von innen gesehen hat, dem ist nicht durch eine Weiterbildung allein geholfen. Wenn jemand hoch verschuldet und sein Lohn gepfändet ist, dann müssen Sie das Übel an der Wurzel packen. Gleiches gilt für Drogenprobleme. Außerdem haben viele Arbeitslose eine schwierige Bildungskarriere hinter sich und müssen für das Thema erst wieder sensibilisiert werden. Mit klassischer Bildung - Klassenraum, Lehrer, Tafel - kommen Sie da nicht weit. Diese Menschen brauchen spezielle Angebote, und sie brauchen ein Ziel.
Kann Weiterbildung gerade für Langzeitarbeitslose also nur eine Folgemaßnahme sein?
Zumindest muss sie mit anderen Maßnahmen kombiniert werden. Im Falle von Migranten ist die Sprache oft ein großes Hindernis. Reine Sprachkurse führen aber kaum zum Erfolg, weil das primäre Ziel dieser Menschen nicht heißt "Deutsch lernen", sondern "Arbeit finden". Deshalb muss man in einem solchen Fall der Person eine Stelle etwa im Hotel- und Gaststättengewerbe suchen und dann gleichzeitig die Vokabeln, die für diese Tätigkeit notwendig sind, sowie die fachlichen Fähigkeiten vermitteln. Das wäre ein ganzheitlicher Ansatz.
Wie vergeben Sie die Maßnahmen?
Das machen die Berater vor Ort, die sich auch mit den lokalen Akteuren abstimmen. Die Frage ist: Wo lohnt sich eine Investition? Da verfolgen wir schon genau, wie effektiv die Beitragsgelder und Steuergelder eingesetzt werden. Die Wahl der Instrumente steht der Agentur frei, sie muss sich nur nachher am Erfolg messen lassen. Wir können ja nicht von Nürnberg aus entscheiden, welches Instrument das richtige im jeweiligen Fall ist. Dann wird ein Bildungsgutschein ausgestellt, mit dem der Arbeitslose sich Bildungsträger und Bildungsmaßnahmen aussuchen kann.
Eine Abkehr von der passgenauen Maßnahmenvergabe durch die Hartz-Reform wird es also auch mit zusätzlichen Milliarden nicht geben?
Nein, denn wir haben gesehen, dass das unserem Arbeitsmarkt nicht weiterhilft. Nur wenn Markt und Bewerber zusammenpassen, vergeben wir einen Bildungsgutschein.
Das Gespräch führte Sven Astheimer.
Text: F.A.Z., 07.09.2007, Nr. 208 / Seite 15